Lesung der BördeAutoren in der Kulturscheune in Bad Sassendorf

„Die BördeAutoren lesen“ - so lautete die große Aufschrift auf dem Werbeplakat, das Literaturliebhaber am 19.08. in Bad Sassendorf in die Kulturscheune lockte. Im Grunde aber müsste diese Einladung etwas ergänzt werden, denn die Börde Autoren lesen wieder.

Bei der erwähnten Veranstaltung handelte es sich nämlich um die Fortsetzung einer Initiative der Soester Autoren, die bereits vor drei Jahren damit begonnen haben, ihre Texte öffentlich vorzulesen. Die ersten Lesungen fanden am Rande des Kurparks – im Café Sprenger – statt, wo sich in gemütlicher Runde einmal im Monat Mitglieder des Vereins BördeAutoren mit ihrem Publikum trafen. Die zunächst kleine Veranstaltung gewann immer mehr an Zustimmung, so stellte sich irgendwann die Frage nach einem anderen, größeren Raum für die monatliche literarische Runde. Dann aber kam die Pandemie und mit ihr die bekannten Probleme, die auch die Aktivität der BördeAutoren stark eingeschränkt haben.

Ihre Lesungen finden seit einigen Monaten, je nach pandemischer Lage, gelegentlich wieder statt, häufig an der frischen Luft, mal in Soest, mal in Bad Waldliesborn. Auf diese Weise konnten die Börde Autoren den Kontakt mit ihrem Publikum aufrechterhalten. So auch vor einigen Tagen in der Kulturscheune in Bad Sassendorf, wo Milla Dümichen, Eva von Kleist, Hannelore Johänning und Rudolf Köster ihre Erzählungen und Verse vorgestellt haben.

Das Konzept dieser Leserunde folgte einem altbewährten Muster, das Folgendes vorsieht: Die vorgetragenen Texte sollen nicht zu lang sein und Themen behandeln, die möglichst viele Zuhörer ansprechen. Die Autoren haben sich also für einen Kompromiss entschieden, der im Prinzip eine Art Quadratur des Kreises bedeutet. Denn einerseits möchten sie ein zahlreiches Publikum mit ihren Büchern begeistern. Andererseits wollen sie auch Geschichten, Essays oder Gedichte vorlesen, die womöglich durch ihre Thematik oder literarische Form nicht jedermanns Sache sind. Die sprichwörtliche Qual der Wahl hat hier also nicht mit der Quantität der zur Verfügung stehenden Werke zu tun, vielmehr aber mit der Vorstellung, was am jeweiligen Ort der Lesung gut rezipiert werden kann.

Das jüngste Treffen war dem Thema „Liebe“ gewidmet, was mit einem linguistischen Augenzwinkern auf der Einladung mit dem Spruch Liebes-Lesen – Geschichten und Verse aus dem Land der Liebe angekündigt wurde. Das zweistündige Programm sah die Lektüre folgender Texte vor:

  • Eva von Kleist: „Paul“. Aus: „Herrenbesuch und andere Geschichten aus den 60er Jahren“
  • Hannelore Johänning: „Er sucht sie“, „Krawall im Hühnerhof“. Aus: „Das Echo im Wort“ sowie eine unveröffentlichte Erzählung „Spiegel-Affäre“
  • Milla Dümichen: „Unverhofft kommt oft“. Aus: „Herbstrauschen“
  • Auszüge aus dem E-Mail Roman von Eva von Kleist und Milla Dümichen: „Spätlese & Eiswein“

Durch das Programm führte Rudolf Köster der Vorsitzende der BördeAutoren. Sein Beitrag bestand aus den von ihm als „simplosophische Reimereien“ bezeichneten Versen, mit denen er zwischendurch die vielfältigen Aspekte des An-, Gegen- und Nebeneinander der Geschlechter in seine Moderation des Abends einbaute.

Diese Auswahl zeigt deutlich das Bemühen der Veranstalter, dem Publikum einen abwechslungsreichen Lesestoff zu präsentieren. Denn unter den ausgesuchten Werken fanden sich unterschiedliche literarische und lyrische Gattungen, die durch das gekonnte Vorlesen bei den Zuhörern ein lebhaftes Echo hervorgerufen haben.

Mit ihrer Geschichte „Paul“ entführte Eva von Kleist das überwiegend weibliche Publikum in die 60er Jahre, in die Zeit, als die Rockband The Beatles auch die braven jungen Mädchen aus der westfälischen Provinz in eine enthemmte Fangemeinde verwandelte und die ältere Generation zur Verzweiflung brachte. Die von der Autorin meisterhaft beschriebene Achterbahn der Gefühle einer Anhängerin der „wilden“ Musik, die kein Erwachsener verstehen konnte, erinnerte stellenweise an die Welt der Romane von Jane Austin. In der Kulturscheune hörte man romantische Seufzer … Vielleicht eine Erinnerung an die eigenen jungen Jahre der im Publikum anwesenden Damen?

Hannelore Johänning las mit ihrer markanten Stimme drei Kurzgeschichten, von denen zwei im Band „Das Echo im Wort“ 2019 erschienen sind. Die Stimmung ihrer literarischen Werke variierte von heiter und komisch bis melancholisch, nachdenklich. Viele wichtige Facetten des Liebeslebens wurden somit angesprochen. Die Pointe und das offene Ende, also die typischen Gattungsmerkmale der Kurzgeschichten, kamen in diesen Beiträgen besonders gut zur Geltung. Beim Zuhören konnte man erahnen, dass es dabei um ein sensibles Echo der Lebenserfahrung der Autorin handelt.

Milla Dümichen widmete ihre Geschichten den Erkenntnissen einer älteren Protagonistin namens Ella, die im Zeitalter von digitalen Partnervermittlungen immer wieder versucht, einen Lebensgefährten zu finden. Dass das Scheitern dieses Vorhabens unverhofft oft vorkommt, deutet schon der Titel ihres Buchs an. Die Reaktion des Publikums auf diese Lesung hat bewiesen, dass Ellas mutige und doch irgendwie verzweifelte Suche nach Mr. Right kein Einzelschicksal ist.

Dass sich das Phänomen „Liebe“ seit jeher als dankbarer literarischer Stoff anbietet, zeigten Milla Dümichen und Eva von Kleist in ihrem gemeinsamen E-Mail Roman „Spätlese & Eiswein“. Sie griffen dabei auf die Form des sogenannten Briefromans zurück, zu dessen bekanntesten Vertretern Choderlos de Laclos – der Verfasser von „Gefährliche Liebschaften“ ist.

Der rege E-Mailwechsel zwischen den Buchprotagonistinnen enthüllt viele sehr private Einsichten und Erkenntnisse, die beide Frauen auf ihrer mehr oder weniger gezielten Suche nach einem Partner gewinnen. Das Publikum konnte offensichtlich mit den im Roman präsentierten Aspekten des modernen Liebeslebens viel anfangen … Es wurde nämlich sehr viel gelacht, auch leise Kommentare waren zu vernehmen. Da es sich bei diesem Roman um ein noch nicht abgeschlossenes Werk handelt, dessen Fortsetzung gerade geschrieben wird, konnten die Zuhörer nicht erfahren, ob die erzählten Liebschaften so gefährlich enden werden wie die im erwähnten französischen Vorbild.

Die Schlussverse des Abends stammten ebenfalls aus der Feder von Rudolf Köster. Es handelte sich dabei um ein Gedicht, das in Anlehnung an ein Motiv aus Ovids „Metamorphosen“ entstanden ist:

 Veränderung

Leidenschaft im Liebesleben

– das ist traurig aber wahr –

ist wie vieles andre eben

biologisch abbaubar.

Bliebe dann vom Liebesglück

wenig oder nichts zurück,

wäre das doch wirklich schad!

Daher geb’ ich hier den Rat:

Lasst uns lieber voll Vertrauen

auf Philemon und Baucis schauen!                      (Aus dem Band: „Ich weiß, dass Sprache lebt, aber…“)

 

Das Publikum dankte den Börde Autoren mit langem Beifall.

Nach der Veranstaltung gab es im Foyer der Kulturscheune die Möglichkeit mit den Autoren ins Gespräch zu kommen und ihre Bücher zu erwerben.

 

von M. Broll