Stanisław Czerniak „Kraft der poetischen Korrektur - Gedichte 1980 - 2020“

In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts veröffentlichte Karl Dedecius (1921-2016), der wohl bedeutendste Übersetzter der polnischen Literatur ins Deutsche, ein Buch mit dem Titel Vom Übersetzen. Theorie und Praxis. Es umfasst seine Gedanken und Erfahrungen, die er nach mehr als zwei Jahrzehnten Beschäftigung mit der Übertragung von polnischer und russischer Lyrik und Prosa in die deutsche Sprache gesammelt hatte.  Das achte Buchkapitel trägt den Titel ABC des Übersetzens und erläutert in alphabetische Reihenfolge Schlüsselbegriffe, die nach Dedecius` Meinung das Metier des Literaturübersetzers am meisten prägen. Es beginnt mit dem Stichwort AUSWAHL und endet mit ZUVERSICHT. Insgesamt sind das vierundzwanzig fast aphoristisch anmutende Gedanken zu Begriffen, die man am beim Übersetzen immer im Hinterkopf behalten sollte. Wie etwa diese Phrase: „JEDERMANN ist Janus; jedes Jawort hat seine bedenkliche (bedenkenswerte) Jenseitigkeit.“ Dieser Satz ist nicht nur eine wichtige Prämisse der Übersetzungskunst, er gibt auf besondere Weise die Art der Lyrik wieder, die Stanisław Czerniak  betreibt.

Seine Dichtung ist kürzlich zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienen. Der Band „Kraft der poetischen Korrektur“ umfasst lyrische Werke Czerniaks, die aus den vergangenen vier Jahrzehnten stammen.

Sie beschäftigen sich mit sprachlich-philosophischer Thematik. Zu den wichtigsten Inspirationsquellen dieser Lyrik gehören viele Strömungen der zeitgenössischen deutschen Philosophie sowie Einflüsse moderner Medien und Technik auf das menschliche Leben. Als Philosophieprofessor verfasst Stanisław Czerniak Gedichte mit einem besonderen poetologischen Ansatz. Sie sind kein Resultat einer plötzlichen Eingebung, sondern das Ergebnis eines schöpferischen Prozesses, der strengen linguistischen Regeln unterliegt. In einem der Essays, die diese Gedichtsammlung begleiten, erklärt der Lyriker, dass seine Poesie einer sprachlichen Laborarbeit ähnelt, aus der sich sein begrifflicher Mikrokosmos ergibt. Er kreist um ein gutes Dutzend Begriffe wie etwa: „Selbsterkenntnis“, „das Innere“, „Traum“, „Körper“, „Gott“, „Gedicht“, „Korrektur“, „Kontingenz“, „Nichts“ oder „Tier“. Der aufgezählte Wortschatz weist bestimmte philosophische Konnotationen auf. Allerdings ist Czerniaks Lyrik keine Einführung zu einem kohärenten philosophischen Standpunkt, der auf der Grundlage dieser Begriffe aufgebaut ist. Der Dichter vergleicht den Prozess seiner lyrischen Arbeit mit einem „Laborschmelztiegel“, in dem die Schlüsselbegriffe in diversen Betonungskonzepten und in diversen metaphorischen Rahmenbedingungen auftauchen. Das Resultat dieser Anstrengung sind „Rohkristalle“, die unter dem Blickwinkel ihrer potenziellen philosophischen Nutzung weiter bearbeitet, das heißt poetisch geschliffen werden, um ihre Vieldeutigkeit zu fördern.  Im Akt poetischer Intuition werden sie dann in einem neuen, gewissermaßen „experimentellen“, semantischen Rahmen platziert. Czerniaks Poesie ist jedoch nicht nur eine „Dienerin“ der Philosophie, denn: „Die lyrischen Subjekte ‚schleifen die Begriffe‘ nicht nur – sie möchten ihnen ebenfalls einen originellen Status des sprachlichen Kerns verleihen, welcher unterschiedliche metaphorische Elementarteilchen anzieht.“ Auf diese Weise und unter dem Einfluss ästhetischer Ansprüche entstehen sprachliche Kristalle mit originellem Schliff.

Das Übersetzen dieser Werke erforderte eine umfangreiche Auseinandersetzung mit dem erwähnten poetologischen Konzept, welches im Laufe der Jahrzehnte thematischen Wandlungen und Korrekturen unterlag. Stanisław Czerniak, der über sehr gute Deutschkenntnisse verfügt, war an den Übersetzungsarbeiten beteiligt. So konnte er mit seinen zahlreichen Ratschlägen und Erläuterungen das Entstehen dieses Lyrikbandes mitprägen und gewissermaßen sicherstellen, dass die deutsche Fassung dieser Lyrik seinen Vorstellungen entspricht.

In „Vom Übersetzen“ sagte Karl Dedecius: „Wörter sind des Übersetzers Mosaiksteine. Er sollte mit ihnen behutsam umgehen, wie mit Edelsteinen, wenn er sie in neue Fassung bringt.“

Stanisław Czerniak und Karl Dedecius bedienen sich in der Beschreibung ihrer Werkstatt ähnlicher Metaphorik, welche die Beschäftigung mit sprachlicher Materie mit der Arbeit an kostbaren Steinen vergleicht. Und es ist wohl kein Zufall, dass ein derartiges Vokabular von einem philosophierenden Dichter und von einem Meister der Übersetzungskunst gewählt wurde. Beide haben sich zur Aufgabe gemacht, ihre bestimmte Sichtweise auf die Welt mit Hilfe der Sprache präzise und zugleich künstlerisch erfahrbar zu machen.

Der Band „Kraft der poetischen Korrektur“ enthält neben einer großen Auswahl der Gedichte, die aus Czerniaks unterschiedlichen Schaffensphasen stammen, auch zwei Essays, die das Oeuvre des Lyrikers in der gegenwärtigen literarischen Landschaft Polens einordnen und das poetologisch-philosophische Konzept dieser Werke näher erläutern.

Die Übersetzung der Dichtung Stanisław Czerniaks ist ein wichtiger Beitrag zum Kennenlernen einer besonderen Sichtweise auf viele zeitgenössische Strömungen der deutschen Philosophie und auf zahlreiche aktuelle Themen, die aus den Einflüssen des technischen Fortschritts auf die menschliche Existenz resultieren.

Durch die Übersetzung dieser Poesie ergibt sich ein Kontakt und Übertagung zweier Kulturen, die trotz geografischer Nähre recht wenig voneinander erfahren und profitieren.

 

M. Broll

 

Eine Leseprobe können sie auf den Seiten des Verlages herunterladen: Leseprobe S. Czerniak - Kraft der poetischen Korrektur ...

 

Buchdaten:

Stanisław Czerniak „Kraft des poetischen Korrektur - Gedichte 1980 - 2020“

Hardcover, 14,8 x 21 cm, 188 Seiten
ISBN-13: 978-3945692-32-5
Preis: 23,95 EUR

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