Wissenschaft und Naturschutz als künstlerische Inspirationsquelle

Der französische Dichter Théophile Gautier, der als Ideengeber der l'art-pour-l'art-Bewegung gilt, sagte einmal: Il n’y a de vraiment beau que ce qui ne peut servir à rien - „Es gibt nichts wirklich Schönes außer dem, das zu nichts nütze ist“. Der aus dem Vorwort zum Briefroman Mademoiselle Maupin (1835) stammende Spruch inspirierte in der Vergangenheit viele Kunstschaffende. Seine Kraft wirkt auch in der Gegenwart nach.

Im Kontrast dazu stehen jedoch Werke aus allen Kunstrichtungen, die sich aus den unterschiedlichen für die Gesellschaft relevanten Themen speisen und häufig bestimmte Ziele verfolgen. Die künstlerischen Inspirationsquellen kommen hier beispielsweise aus dem aktuellen politischen Geschehen oder dem wissenschaftlichen Diskurs.

In diesen Bereich kann man das künstlerische Schaffen von Benno Dalhoff einordnen, der seit vielen Jahren sein naturwissenschaftliches Interesse und Engagement in seinen Werken verarbeitet. Im November 2019 konnte man in Soest seine große Ausstellung Spurensuche für eine Zukunft besuchen. Im Vorwort zum Ausstellungskatalog schrieb Inga Schubert-Hartmann – die Vorsitzende des Kunstvereins Kreis Soest : „Wie ein Sensor reagiert Benno Dalhoff auf die tiefgreifenden Veränderungen unserer Welt […]. Er sieht fast prophetisch voraus, was der Mensch sich, seiner Lebenswelt, seinem Mitmenschen und der zukünftigen Welt unserer Kinder und Enkel antut.“

Zu den wichtigsten Motiven, die Dalhoff in seinem künstlerischen Schaffen thematisiert, gehören die Einflüsse der Nuklearenergie auf unsere Umwelt. Allerdings sind das nicht nur Werke eines Künstlers, den militärische Nuklearnutzung oder die Reaktorkatastrophen erschüttert haben. Nein, es handelt sich um Arbeiten seines sensiblen Wissenschaftlers, der seine profunden Kenntnisse im Bereich der Biologie und Chemie sowie seine langjährigen Erfahrungen und persönlichen Kontakte auf Grund seiner zahlreichen Arbeitseinsätze in Russland und Belarus dazu nutzt, auf einer anderen Ebene über Dinge zu sprechen, die unsere Welt auf besondere Weise bewegen und prägen.

Das Kreuz von ...?

Das Kreuz von Tschernobyl oder Der Vorhof zur Hölle

Das Kreuz von Fukushima oder Nippon, das Land der aufgehenden Sonne

Und um diesen Erfahrungsschatz kontinuierlich zu aktualisieren und auszubauen, nimmt Dr. Benno Dalhoff seit 2017 am alljährlich im September an der Universität Wien stattfindenden Nuklearsymposium teil. Die dortigen Vorträge und Diskussionen sowie die internationalen Kontakte sind wichtige Bausteine für Dalhoffs Aktivitäten in der Anti-AKW-Bewegung und sein Engagement in der internationalen Solidaritätsbewegung „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“. Gleichzeitig sind die auf den Symposien präsentierten neuesten Erkenntnisse zum Thema Kernenergie für ihn eine wichtige Inspirationsquelle für die künstlerische Umsetzung der nuklearen Bedrohungsszenarien. Im Zusammenhang mit dem Symposium konnte Dalhoff an einer Sonderführung durch das nie in Betrieb gegangene Atomkraftwerk Zwentendorf an der Donau teilnehmen, der größten Investitionsruine der Republik Österreich und zugleich Symbol und Meilenstein der Wirtschaftsgeschichte des Landes. Und während dieser Führung konnte Dalhoff nicht nur – wie sonst üblich – die Schaltzentrale des AKW besichtigen und hinter Panzerglas einen Blick in die Turbinenhalle werfen, sondern u.a. sogar den Reaktordruckbehälter von innen betrachten.

Nachdem 1978 nach der Errichtung des AKW Zwentendorf seine Inbetriebnahme durch eine Volkabstimmung mehrheitlich (50,47%) abgelehnt worden war, wurde im österreichischen Parlament das Atomsperrgesetz beschlossen, welches besagt, dass auch in Zukunft keine Kernkraftwerke ohne Volksabstimmung gebaut werden dürfen.

Mittlerweile wurde auf dem Gelände des geplanten AKW eine Photovoltaikanlage errichtet, die 2010 gemeinsam mit der Technischen Universität Wien zum Photovoltaik-Forschungszentrum Zwentendorf ausgebaut wurde – ein symbolisch bedeutender Schritt von der nicht verantwortbaren und schon gar nicht beherrschbaren sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie hin zur Nutzung der Sonnenenergie! Im Zuge der aktuellen Klima-Problematik und der damit verbundenen Energiekrise bereitet die aufkeimende Renaissance der Atomenergie als „Nothelfer“ allerdings zunehmend große Sorgen.

Am 17. September 2021 fand bereits zum 12. Mal das Wiener Nuklearsymposium statt. Da auf Grund der geltenden Corona-Regeln dieses als Hybridveranstaltung stattfinden musste, konnten nur 35 TeilnehmerInnen der Veranstaltung vor Ort folgen.

Zur Eröffnung erinnerte Wiens Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky eindringlich an die Notwendigkeit, Maßnahmen gegen die Klimaerhitzung zu ergreifen und wertvolle Zeit und Ressourcen nicht mit untauglichen Technologien wie der Kernenergie zu vergeuden.

Beim diesjährigen Symposium wurde ein Einblick in die Möglichkeiten von Simulationen als Instrument zur Risikoabschätzung von nuklearen Anlagen gegeben. Die seit geraumer Zeit eingesetzte Methode der Simulation ist ein Instrument, das sich mit fortschreitender Entwicklung der Informatik für Testzwecke von komplexen Systemen bewährt hat. Gerade in Bereichen, in denen Experimente entweder unmöglich oder nur in beschränktem Maße und unter großem finanziellem Aufwand realisiert werden können, sind Simulationen wissenschaftlicher Standard.

Der Fokus der diesjährigen Veranstaltung lag auf einzelnen Systemen in AKWs, auf Ausbreitungsberechnungen infolge radioaktiver Freisetzungen bei Havarien, aber auch auf der Thematisierung der systemischen Grenzen dieser Methode.

Die vielen Anregungen, die Dalhoff im Laufe der Jahre durch seine Teilnahme an den Nuklearsymposien gewinnen konnte, führten letztlich zur Intensivierung seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit der Thematik „Atomenergie“.

      Barfuß durch die Hölle

      azzurro fatale

Während des Symposiums sorgte ein Konzert des ersten Frauen-Kammerorchesters von Österreich für ein besonderes Highlight. Musik von Dmitri Schostakowitsch in Kombination mit der Rezitation des Gedichts „Die (schwarze) Wolke“ von Erich Fried:

 

D I E ( S C H W A R Z E ) WO L K E
Eine Wolke zieht über die Zukunft
Eine Wolke so schwarz wie die Nacht
Und wer hat die Wolke geschaffen
Und wer hat sie hergebracht?

Und sagen sie dort „Sozialismus“
Und hier „unsre freie Welt“
Die Wolke hört nicht und fragt nicht
Auf wen ihr Regen fällt

Und willst du noch leben bleiben
Und hast du noch Kinder zuhaus
Dann musst du die Wolke vertreiben
Sonst ists mit dem Leben aus

Die Wolke darf gar nicht erst steigen
Die Wolke darf gar nicht erst ziehen
Und steigt sie, so hat auch dein Schweigen
Ihr Gewalt verliehen

Geht hin wo sie Wolken brauen
Geht hin aber bald muss es sein
Geht hin alle Männer und Frauen
Und wascht euren Himmel rein

 

Es war ein beeindruckend gelungener Beitrag zur gesamtkulturellen Auseinandersetzung mit der Thematik des Symposiums, der die Notwendigkeit des gemeinschaftlichen Engagements für den überlebenswichtigen Schutz von Mensch, Natur, Umwelt und Klima betont.

 

Verfasser: M. Broll (Ich bedanke mich bei Dr. Benno Dalhoff für das anvertraute Text- und Bildmaterial)

(c) Fotos: Benno Dalhoff, Gabriele Dalhoff und Dr. Michael Thiemeier (Der Strich der Natur ist zerbrochen - Mutations-Progression an Blättern der Stieleiche drei Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl - Titel des großen Reliefs)

 

Interessante Links:

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Tschernobyl Erinnerungen ...

Benno Dalhoff

Vita

  • *1951 in Ense-Bremen, Kreis Soest
  • seit Anfang der 1970er Jahre Engagement in der Anti-AKW-Bewegung
  • Studium der Biologie und Chemie an der Universität Münster
  • Promotion im Bereich Didaktik der Biologie
  • Lehrtätigkeit am Gymnasium
  • Lehraufträge im Fachbereich Biologie an der Universität Dortmund
  • Moderator der Lehrerfortbildung „Umwelt- und Naturschutz vor Ort“ der Bezirksregierung Arnsberg
  • Kommissarischer Leiter des Referates Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und Neue Technologien am Landesinstitut für Schule und Weiterbildung NRW
  • Zahlreiche Arbeitsaufenthalte in Russland und Belarus
  • Radioaktivitätsuntersuchungen im Belgoroder Gebiet (West-Russland)
  • Zahlreiche Publikationen zu den Themenbereichen Biologie, Natur- und Umweltschutz, Ökologie und Reaktorkatastrophen

Seit 2014 im Ruhestand; seitdem Synthese meiner Passion für den Natur- und Umweltschutz mit meiner Leidenschaft für die Kunst

 

Foto: Peter Dahm

Ausstellungen

2016

  • Das Kreuz von Tschernobyl und Fukushima, Soest (Einzelausstellung)

2017

  • Das Kreuz von Tschernobyl und Fukushima, Wolfenbüttel (Einzelausstellung)

2018

  • Der Strich der Natur ist zerbrochen, Soest (Einzelausstellung)
  • Kunst im Bunker, Soest (Gruppenausstellung, international)

2019

  • Unbegrenzt, Soest/NL (Gruppenausstellung, binational)
  • Spurensuche für eine Zukunft, Soest (Einzelausstellung)
  • Grenzen (anlässlich 30 Jahre Mauerfall), Plauen/Vogtland (Gruppenausstellung, internatioal)
  • Sehnsuchtsorte, Soest (Gruppenausstellung)

2020

  • Die Erben Wilhelm Morgners – Hommage an einen Westfalen, Soest (Gruppenausstellung, international)

2021

  • „TreffFour“ – eine internationale Kunstbegegnung, Soest/D (Gruppenausstellung)
  • Vom Todesstreifen zum Lebensband – Spurensuche für eine Zukunft, Haus auf der Grenze  in der Gedenkstätte Point Alpha, Geisa, Thüringen (Einzelausstellung)
  • Klimakatastrophe und Artensterben, Soest (Einzelausstellung)

 

Kontakt:

Dr. Benno Dalhoff

E-Mail:   kontakt@bennodalhoff.de

Web: www.bennodalhoff.de