Kunst im Dienst des Klimaschutzes

Ein Bericht von Benno Dalhoff über eine künstlerische Veranstaltungsreihe zum Thema „Klimakatastrophe und Artensterben“

(Soest, Dortmund, Bad Bramstedt 2021-2022)

 

Die in der Ausstellung „Klimakatastrophe und Artensterben“ im Rahmen der Soester Klimawoche „Damit es wieder gut wird … 7 Klimatage für die Schöpfung“ im Schiefen Turm gezeigten Assemblagen, Gemälde, Objekte, Skizzen und Zeichnungen beleuchteten nicht nur die schrecklichen Auswirkungen der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomenergie, sondern sie warfen auch ein Schlaglicht auf den fatalen Verlust der Biodiversität und auf die gerade im Sommer 2021 mehr als deutlich spürbaren Auswirkungen der Klimakatastrophe, gerade auch in unserer unmittelbaren Umgebung.

 

Deckblatt des Flyers zur Ausstellung …

 

So stieg die Lufttemperatur in Deutschland zwischen 1881 und 2021 im Jahresdurchschnitt um 1,6 °C. Die fünf wärmsten Jahre in Deutschland finden sich alle nach dem Jahr 2000. Diese dramatischen Veränderungen sind anthropogen verursacht und vor allem auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zurückzuführen. Berechnungen des DWD sagen für die kommenden Jahre in Deutschland eine weitere Zunahme von ca. 1°C jährlich voraus.

Bezeichnete man vor etwa 50 Jahren extrem hohe Temperaturen noch als Jahrhundertereignis, so spricht man heute nur noch von einem Jahrzehntereignis. Und obwohl uns die Klimakatastrophe bereits mit voller Wucht trifft, lähmt klimapolitischer Stillstand nicht nur die möglichen und unmittelbar realisierbaren Gegenmaßnahmen, sondern verhindert auch die mittel- und langfristige Beseitigung der alles Leben zerstörenden Ursachen dieses Desasters. Da wir uns aber mittlerweile dermaßen weit von der Natur entfernt haben, besitzen wir offenbar nicht mehr das überlebenswichtige Naturverständnis und die notwendige Sensibilität, um die negativen Folgen dieser inzwischen erreichten Naturferne zu erkennen.

Wichtige Exponate im Rahmen der Ausstellung waren die sogenannten „warming stripes“, denen die Grafiken des britischen Klimawissenschaftlers Ed Hawkins zur Erderhitzung aus dem Jahr 2018 zugrunde liegen. 

Benno Dalhoff neben seinen drei Acrylgemälden „warming stripes“ im Schiefen Turm“ (Globale-, BRD-, NRW-Situation) Foto: Peter Dahm

In diesen dazu gezeigten drei Acrylgemälden werden die Temperaturwerte der zurückliegenden 168 Jahre sowohl global, national als auch regional mit ei­nem Farbwert von dunkelblau (sehr kalt) über hellblau bis dunkelrot (sehr heiß) markiert, sodass sich die außergewöhnlich starke Zunahme warmer und heißer Jahre insbesondere seit Mitte der 1980er Jahre unmittelbar erschließt.

Gerade diese bestechend einfache und zugleich eingängige Darstellungsweise der deutlich wahrnehmbaren Verschlechterung unserer Lebensbedingungen nahm Dalhoff zum Anlass, um in Zusammenarbeit mit der Pastorin von Alt St. Thomae, Leona Holler, im Rahmen des Konfirmations-Unterrichts eine Kunstaktion mit Jugendlichen zu realisieren.

Auf der Wiese vor Alt St. Thomae: Konfirmanden und Konfirmandinnen kolorieren die Latten für die Holzskulptur  Foto: Benno Dalhoff

Bei dieser Aktion wurde Dalhoff von Anna Schürmann, Vorstandsmitglied der BUND-Ortsgruppe Soest/Welver, unterstützt. So entstand auf der großen Wiese vor dem Schiefen Turm die 2,5 m hohe und 2 m breite kolorierte Holzskulptur „warming stripes“,  die stellvertretend für die Übernahme von Erdverantwortung durch die Konfirmandinnen und Konfirmanden in den Kirchen von Bad Sassendorf und Lohne während der Konfirmationsgottesdienste aufgestellt wurde.

Präsentation der von den Jugendlichen angefertigten Holzskulptur „warming stripes“ neben den Acrylgemälden von Dalhoff im Schiefen Turm Foto: Gabriele Dalhoff

 

Sie soll dazu beitragen, das Bewusstsein für die dramatische Situation am Abgrund des Seins zu schärfen und die Menschen für die Zukunftsfähigkeit unseres Planeten aktiv werden lassen.

Die vom 29. August bis zum 5. September 2021 vom ökumenischen Nachhaltigkeitsnetzwerk in Soest durchgeführte Klimawoche „7 Tage für die Schöpfung“ – in der auch Dalhoffs Ausstellung „Klimakatastrophe und Artensterben“ stattfand – wurde am 3. September 2022 in der Dortmunder Pauluskirche von der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, mit dem 1. Preis des Westfälischen Schöpfungspreises ausgezeichnet.

Anlass für das Projekt „Klimakatastrophe und Artensterben“ war ursprünglich ein Kunst-Projekt der Heinrich Böll Stiftung Schleswig-Holstein, das im Rahmen der vom „Netzwerk 2021“ vorbereiteten Kampagne mit dem Schwerpunkt „Erneuerbare Energien“ gegen die Durchführung der RadiOlympics 2021 im verstrahlten Japan geplant war, die im März 2021 stattfinden sollte, aber Corona zum Opfer fiel und auf Ende Oktober 2021 verschoben wurde. Zu diesem Zweck waren eine Ausstellung, Kunstwerke und internationale Kontakte als Produkte geplant. Für dieses Projekt hatte Dalhoff als beteiligter Künstler das hier beschriebene Projekt „warming stripes, Klimakatastrophe und Artensterben“ entwickelt und vorgeschlagen.

Im „Netzwerk 2021“, sind der Arbeitskreis Japan, Landeskirche Braunschweig, ausgestrahlt e.V., BUND-Ortsgruppe Soest/Welver, Deutsch-Japanische Gesellschaft (Dortmund), Europäische Aktionswochen für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima/Region Braunschweig, Greenpeace Energy, Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, IPPNW e.V. und Sayonara Nukes Berlin vernetzt.

Fußend auf den immer deutlicher werdenden Auswirkungen der Klimakatastrophe fanden schließlich im September und Oktober 2021 vier Aktionen statt:  

  1.  Holzskulptur „warming stripes“ der Jugendlichen, Schiefer Turm in Soest (s.o.)
  2. „Xylophon der Klimaklänge“ der Jahrgangsstufe 2 der Grundschule Bad Bramstedt
  3. Holzskulptur „Die Erde hat Fieber“ der Jahrgangsstufe 4 der Grundschule Bad Bramstedt
  4. „Damit es wieder gut wird“ Kurhaustheater Bad Bramstedt

Zu 2.   Im ersten Schulprojekt erstellten Dalhoff und seine Frau mit Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 2 nach einer thematischen Einführung ein Xylophon der Klima-Klänge. Dazu bemalte die Gruppe Bambusrohre mit einem Durchmesser von 22 Millimetern und einer Länge von 20 Zentimetern in den Farben der vom britischen Klimawissenschaftler Ed Hawkins entwickelten Erwärmungsstreifen (warming stripes) für das Erd-Klima. Die Farbe dunkelblau steht in den Erwärmungsstreifen für sehr kalt, dunkelrot für sehr heiß. Anschließend wurden die bemalten Bambusrohre so angeordnet, dass ihre Reihenfolge die zunehmende Erderhitzung besonders der letzten Jahre deutlich werden lässt. Mit Begeisterung brachten die Schülerinnen und Schüler die Bambusrohre mit Hilfe von Schlägeln zum Klingen. Das Xylophon der Klima-Klänge wurde im Musikraum der Schule installiert und visualisiert nun die Bedeutung des Klimas für alle Lebewesen.

 

Präsentation des „Xylophon der Klimaklänge“ und Klangprobe  Fotos: Gabriele Dalhoff & Grundschule Bad Bramstedt

 

Zu 3.    In einem zweiten Schulprojekt ging es ebenfalls um die zunehmende Erderhitzung, deren Folgen wir in den letzten Jahren an den weltweiten Waldbränden und den zerstörerischen Überschwemmungen des letzten Sommers unmittelbar vor Augen geführt bekommen haben.

Damit wir die Ursachen dieser anthropogen verursachten Katastrophen besser verstehen können, hat Ed Hawkins aus den weltweiten Temperaturwerten der zurückliegenden 168 Jahre (von 1850 bis 2018) eine Fieberkurve für die Erderhitzung erstellt. Im Rahmen dieses Kunstprojektes haben Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 4 die Fieberkurve der Erderhitzung unter Leitung von Benno und Gabriele Dalhoff mit den von ihnen kolorierten Brettern dargestellt. Die dabei entstandene Holzskulptur „Die Erde hat Fieber“ von drei Metern Länge wurde als bleibendes Kunstwerk im Foyer der Schule installiert. Eine Informationstafel erinnert an die Bedeutung des Klimas für alles Leben auf der Erde.

Schülerinnen und Schüler präsentieren die von ihnen angefertigte Holzskulptur „Die Erde hat Fieber“  Foto: Grundschule Bad Bramstedt

Zu 4.   Auch in einem weiteren Projekt von Dalhoff spielte die Energie-Thematik eine bedeutende Rolle. Im Foyer des Kurhaustheaters in Bad Bramstedt baute er seine Installation „Damit es wieder gut wird???“ auf. Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine aktualisierte Variante der Installation „les fruits du mal (Die Früchte des Bösen)“ von 2016. Diese Installation war damals Teil der Ausstellung „Das Kreuz von Tschernobyl und Fukushima – Der Strich der Natur ist zerbrochen“ in Alt St. Thomae zu Soest.

Installation „les fruits du mal“ im Schiefen Turm, 2016   Foto: Peter Dahm

Die Besucher der Veranstaltung blickten teils irritiert, teils verwundert, aber auch neugierig auf die neben dem Podium gestapelten, und mit einer grünen Folie überdeckten schwarzen Säcke, diskutierten über diese seltsame Konstruktion und rätselten über deren mögliche Bedeutung. Sollten sie etwa von der Müllabfuhr vergessen worden sein?

Vorstellung der Installation „Damit es wieder gut wird??? Im Foyer des Kurhaustheaters Bad Bramstedt Foto: Gabriele Dalhoff

Mittlerweile sind schwarze Säcke zum Symbol für den unverantwortlichen Umgang mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 geworden. Der Anlass für diese Installation ist aber die Tatsache, dass seit Jahren an den Straßen der Präfektur Fukushima Millionen schwarzer Säcke mit ihrem stark strahlenden Inhalt ohne Sicherheitsvorkehrungen stehen, langsam verrottend und für jedermann zugängig. Diese rein kosmetische Maßnahme hat aber lediglich dazu gedient, der Bevölkerung zu suggerieren, dass die ehemals extrem stark verseuchte Erde der Präfektur Fukushima nach Entfernung der oberen fünf Zentimeter mächtigen Bodenschicht nun angeblich wieder problemlos nutzbar ist, und die Strahlenflüchtlinge gefahrlos in ihre Heimatregion zurückkehren können. Der eigentliche Grund für diese Menschen verachtende Maßnahme aber war nicht die Gesundheitsfürsorge für die Bevölkerung, sondern vielmehr das mögliche Scheitern des für 2020 in Tokyo und Fukushima geplanten Milliarden-Events XXXII. Olympische Spiele, die dann allerdings wegen der Corona-Pandemie – trotz aller Warnungen vor der immer noch viel zu hohen Strahlenbelastung – erst 2021 ohne Zuschauer stattfinden konnten. Und um der eher zögerlichen Rückkehr in die Heimatregion – die Präfektur Fukushima – den notwendigen Druck zu verleihen, wurde den Strahlenflüchtlingen Ende 2017 die Unterstützung für die zugewiesene Unterbringung außerhalb der Präfektur Fukushima gestrichen. So blieb diesen bereits durch Tsunami und Reaktorkatastrophe maximal Geschädigten – wollten sie nicht mittellos auf der Straße stehen – schließlich nur die Rückkehr in ihre nach wie vor verstrahlte Heimat. Hinter dieser unmenschlichen Strategie zur Realisierung der Olympischen Spiele verbirgt sich die unheilvolle und skrupellose Allianz der (Un)Verantwortlichen aus Regierung, AKW-Betreiber Tepco, Wirtschaft, Medien und IOC. 

Um die mit der stark strahlenden Erde gefüllten Schwarzen Säcke – Fassungsvermögen je ein Kubikmeter – zu kaschieren und damit zu suggerieren, alles sei wieder gut, wurden die Millionen schwarzer Säcke von Tepco mit grüner Folie zugedeckt – ein „grünes Leichentuch“ –, um die Illusion intakter grünender Landschaften vorzutäuschen – eine ungeheuerliche Volksverhöhnung!

Entwurf für die Installation „Damit es wieder gut wird???“ / Graphit, Zeichenstift, Farbstift auf Papier / aus dem Skizzenbuch 2021 Foto: Gabriele Dalhoff

Und parallel dazu wurden und werden die schwarzen Säcke mit der stark kontaminierten Erde in eigens errichteten Verbrennungsanlagen „thermisch entsorgt“, was zu weiterer Kontaminierung der durch die Reaktorkatastrophe radioaktiv belasteten Natur sowie der Menschen führt.

Trotz alledem forderte Japans Premier auf Grund der aktuellen Energiekrise die Inbetriebnahme von neun weiteren Kernreaktoren.

Rückblickend weitsichtig äußerte ein Teilnehmer der Ausstellung in Bad Bramstedt die Befürchtung, dass dieser nicht wirklich beherrschbaren und schon gar nicht verantwortbaren und angeblich CO2-freien „grünen“ Technologie im Zuge der Klimakatastrophe möglicherweise gerade auch in Europa eine Renaissance bevorstehen könnte. Und tatsächlich! Am 6. Juli 2022 entschied das EU-Parlament, die beiden Energieformen Atomkraft und Gas als nachhaltig einzustufen und in die sogenannte Klimataxonomie aufzunehmen. Künftig gelten somit Finanzinvestitionen in Gas und Nuklearenergie nicht mehr als klimaschädlich.

Bereits zwei Wochen später macht sich Frankreich diese neue Situation zunutze, indem es weiterhin auf Atomkraft bei der Energieversorgung setzt. Bis zu 14 neue Atomkraftwerke sollen entstehen, sechs davon sollen bis 2050 gebaut werden.

Bereits im Normalbetrieb treten bei der sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie enorme Probleme auf, die u.a. zu den Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima geführt haben. Die Störanfälligkeit dieser äußerst komplizierten AKW-Technologie kann im Kriegsfall zu einer Atomkatastrophe ungeheuren Ausmaßes führen. So packt einen denn auch das kalte Entsetzen, wenn man den unverantwortlichen Umgang mit den AKWs im Ukraine-Krieg vor Augen geführt bekommt.